Truppenabzug auf Raten
Das grösste Problem im Land bleibt die Sicherheit – und das obwohl die USA beinahe 560 Milliarden Dollar für die Sicherheit im Land ausgegeben haben. (Karin Wenger, SRF)
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- Freitag, 21.9.2012: USA ziehen ein Drittel ihrer Soldaten ab
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Von Asien-Korrespondentin Karin Wenger
Auf Patrouille mit afghanischen Polizisten und amerikanischen Soldaten in der Grenzprovinz Khost im Distrikt Terezayi. Das erste Problem stellt sich noch bevor die Patrouille überhaupt beginnt: Die afghanischen Polizisten haben keine Lust den Checkpoint Terezayi zu verlassen und in der gleissenden Hitze durch das Dorf zu patrouillieren. Sie müssen zuerst überredet werden.
Die Mission lautet: Die afghanischen Soldaten durchsuchen das Dorf und die afghanischen Polizisten riegeln die Ausfahrtsstrassen ab und kontrollieren die Fahrzeuge. Die Amerikaner helfen lediglich im Notfall.
Keine Arbeitsmoral
Die Realität sieht jedoch anders aus: Die Polizisten parken ihre Pickups im Schatten und beginnen Tee zu kochen. Sie stoppen kaum ein Fahrzeug, wenn eine Frau darin sitzt schon gar nicht.
Die amerikanischen Infanteriesoldaten können ihre Frustration kaum verbergen. Die wenigsten von ihnen glauben, dass die Afghanen in Zukunft selbst für die Sicherheit im Land sorgen können: «Wir habe ihnen so viel gegeben, Fahrzeuge, Waffen, sie haben keine Ahnung wie sie die pflegen müssen und sie haben keine Arbeitsmoral. Das Land wird nach unserem Abzug ins Chaos stürzen.»
Korruption beherrscht den Alltag
Die amerikanischen Soldaten leben auf einem kleinen Aussenposten im Distrikt Terezayi wenige Kilometer von der pakistanischen Grenze entfernt. Sie sollen gemeinsamen mit den Afghanen verhindern, dass Mitglieder des Haqqani-Terrornetzes und andere Aufständische Sprengstoff oder Selbstmordattentäter aus Pakistan nach Kabul schmuggeln.
In der Kommandozentrale des amerikanischen Aussenpostens hängen 16 Bilder von 16 Männern, die in diesem Jahr getötet oder gefangenen genommen wurden. Die afghanische Polizei tue sich schwer mit solch hartem Durchgreifen, lamentiert einer ihrer Polizisten: «Vor wenigen Tagen haben wir einen Mörder verhaftet. Doch dann befahl uns der Kommandant des Checkpoints Terezayi den Mörder wieder frei zulassen. Wahrscheinlich haben sie ihn bestochen.»
Der Kommandant des Polizeihauptquartiers von Terezayi weiss, dass sein Checkpoint-Kommandant korrupt ist. Entlassen will er ihn trotzdem nicht. Er habe bereits zu wenig Männer, gerade mal 45 Polizisten, die ein Gebiet mit 122‘000 Zivilisten kontrollieren sollen. «Wenn ich den Checkpoint-Kommandanten entlasse, dann erhalte ich keinen Ersatz. Ich behalte ihn also lieber. Zudem: wie soll ich erwarten, dass meine Polizisten nicht korrupt sind, wenn unsere Politiker in den vergangenen Jahren Millionen gestohlen haben? »
Gut, wenn Amerikaner abziehen?
Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch klagt in einem Bericht die afghanische Polizei des Landraubs, der Erpressung, Vergewaltigung und sogar des Mordes an. Doch nicht alle afghanischen Sicherheitstruppen haben denselben Ruf. In der afghanischen Armee wurden in den vergangenen Jahren durchaus bemerkenswerte Fortschritte erzielt.
Und Kaptein Tyler Rund, der amerikanische Kompanie-Kommandant von Terezayi, glaubt, dass alle afghanischen Sicherheitskräfte in einem Jahr bereit seien. Wahrscheinlich sei es sogar gut, wenn die Amerikaner abzögen. Heute beispielsweise verkauften manche afghanische Polizisten das Benzin ihrer Fahrzeuge, weil sie wüssten, dass sie jederzeit bei ihren amerikanischen Nachbarn neues holen könnten. Das sei in Zukunft nicht mehr möglich.
Mehr Sicherheit dank Checkpoints
«Was die Sicherheit anbelangt, hat sich in Afghanistan und hier in Terezayi vieles verbessert. Vor einem Jahr explodierten regelmässig Bomben weniger als einen Kilometer von hier entfernt. Dann haben wir den afghanischen Polizisten zwei Checkpoints gebaut. Jetzt können wir ohne grosse Risiken bis mehrere Kilometer weit ausrücken», sagt er.
Die Sicherheitslage in Afghanistan hat sich ohne Zweifel verbessert. Das sei den Nato-Truppen zu verdanken, nicht den afghanischen Sicherheitskräften, glauben viele Afghanen und wollen nicht, dass die internationalen Truppen abziehen. In Khost jedoch gibt es auch andere Stimmen: «Die Amerikaner sollen nach Hause gehen. Früher unter den Taliban hatten wir hier Ruhe und Ordnung und islamisches Recht. Jetzt herrscht ein Klima der Angst», sagt ein Lehrer in einer Koranschule.
Zivilisten gefangen zwischen Fronten
Denn wer mit den Amerikanern kollaboriert, muss sich vor der Rache der Aufständischen fürchten. Und wer den Aufständischen Schutz gibt, gilt in den Augen der Amerikaner als Terrorist. Die Zivilisten sind gefangen zwischen den Fronten, aber auch sie wissen, dass die Amerikaner bald abziehen und schmieden dementsprechend ihre Allianzen.
Und die Sicherheit im Land ist heute zwar besser als vor ein paar Jahren, aber gut ist sie nicht. Drei Tage nach der Patrouille sprengt sich ein Selbstmordattentäter am Terezayi Checkpoint in die Luft. Er tötet acht afghanische Zivilisten und drei Polizisten. Auch den korrupten Checkpoint-Kommandanten. (basn)
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