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Freitag, 22.6.2012

«Niemand sieht mehr richtig durch»

Seit Wochen wird angesichts der Euro-Krise über möglicherweise unterfinanzierte Banken diskutiert, nun hat die Ratingagentur Moody's insgesamt 15 Geldhäuser zurückgestuft. Ist das ein Hinweis auf eine Verschärfung der Krise? Die Fragen gehen an Wirtschaftsredaktor Thomas Oberer.

Sitz der CS in Zürich. (Keystone Archiv)

Thomas Oberer, sind die Banken jetzt plötzlich wieder in akuter Gefahr?

Thomas Oberer: Die Banken sind nicht jetzt plötzlich in akuter Gefahr - man müsste wohl besser sagen: Sie sind immer noch in ziemlich grosser Gefahr. Die Warnungen - also die Herabstufung durch Moody's oder der Hinweis der Schweizer Nationalbank letzte Woche an die Adresse der Credit Suisse - all das hat einen zeitlichen Vorlauf. Bereits im Frühling schrillten die Alarmglocken - und die wurden jetzt einfach wieder einmal kräftig geläutet.

Was genau bedroht die Banken jetzt?

Oberer: Es sind zwei Sachen: Zum einen ist es die Euro-Krise: Hier geht es ja nicht voran, noch immer sind viele Fragen offen: Kann es Griechenland schaffen? Was passiert mit den spanischen Banken? Rappelt sich die italienische Wirtschaft wieder auf? Auf all das gibt es noch keine Antworten.

Mit der Euro-Krise einher geht ein schwaches Wirtschaftswachstum. Viele Banken haben Geschäftsbeziehungen in Krisenstaaten. Sie haben dort Kredite vergeben, die nun wackeln. Und sie haben in ihren Bilanzen auch Staatsanleihen, von denen sie nicht wissen, ob sie noch sicher sind. All dies ist natürlich Gift für die Aktienkurse der Finanzbranche. Denn heute sind ja die Banken untereinander europa- und weltweit so eng verknüpft, dass man die Risiken kaum mehr voneinander trennen kann.

Was ist eigentlich der Kern der Krise - der Euro oder die Banken?


Oberer: Das ist wie die Frage: Was war zuerst da - das Huhn oder das Ei? Es ist auch hier eine Mischung von beidem. Ausgangspunkt war die Finanzkrise von 2008. Nach der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers haben sich alle Banken weltweit massiv angesteckt und kamen in Schieflage.

Dann kamen kurz darauf die hohen Schulden in den südlichen Euro-Ländern ans Tageslicht, was jene Banken, die immer noch nicht gesund waren, gleich nochmals infiziert hat. Diese Mischung ist es, die so gefährlich ist. Denn eine einfache Lösung gibt es nicht - alles ist eng verwoben und niemand sieht mehr richtig durch.

Gibt es immer noch das Problem, dass man Banken nicht bankrott gehen lassen kann oder haben die laufenden Verschärfungen der Banken-Regulierung das Problem entschärft?

Oberer: Darüber wird im Moment heftig diskutiert. Eigentlich hat man ja wegen der Finanzkrise das sogenannte Basel-III-System geschaffen. Damit verpflichten sich alle Banken bis spätestens 2018 genug Eigenkapital aufzubauen, damit sie eine nächste Krise überstehen könnten.

Viele Banken - auch die beiden Schweizer Grossbanken - sind daran, sich solches Kapital zu beschaffen. Letzte Woche hat nun aber die Nationalbank gewarnt und gesagt, das reiche wohl nicht. Zu unsicher sei im Moment die Lage. Es brauche noch grössere Sicherheiten. Das zeigt: Die Situation ist fragil und heikel. Es braucht nur einen kleinen Auslöser und das ganze System könnte zusammenbrechen. (pet)

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