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Montag, 16.4.2012

Grausame Details, schmerzhafte Provokationen

Der Auftritt des Massenmörders Anders Behring Breivik vor Gericht war für Überlebende und Angehörige nur schwer zu ertragen. Der 33-Jährige nutzte den ersten Tag der Hauptverhandlung vor allem zur Selbstinszenierung. Die Taten räumte er ein, berief sich aber auf «Notwehr».

Attentäter Breivik im Gerichtssaal: Zahlreiche Journalisten aus dem In- und Ausland verfolgten den Prozessauftakt in Oslo. (Reuters)

Fragen nach dem ersten Prozesstag

Anders Behring Breivik bekommt die «Show», die er wollte. Ist das der Preis, den der Rechtsstaat Norwegen zahlen muss? Und wie reagierten die Hinterbliebenen der Opfer, die Medien und die Öffentlichkeit?

Beitrag aus Echo der Zeit vom Montag, 16.4.2012, 18.00 Uhr, DRS 1 und DRS 4 News

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In Norwegen hat der Prozess gegen den geständigen Attentäter von Oslo und Utoya, Anders Behring Breivik, begonnen. Ihm wird der Mord an 77 Menschen vorgeworfen. Der 33-Jährige räumte die Taten vom 22. Juli vergangenen Jahres ein, erklärte sich vor Gericht in Oslo aber dennoch für nicht schuldig. Er sprach von «Notwehr» und argumentierte, dass er Norwegen mit seinem Vorgehen vor der Einwanderung von Muslimen habe bewahren wollen. «Ich gestehe die Taten, aber nicht die strafrechtliche Schuld.»

Breivik hat von Beginn an zugegeben, zunächst einen Bombenanschlag auf das Osloer Regierungsviertel verübt zu haben, gefolgt von einem Massenmord in einem Ferienlager der regierenden Arbeiterpartei. Breiviks zynischer Auftritt vor Gericht dürfte für viele Überlebende und Angehörige der Opfer eine ausgesprochen schmerzvolle Provokation gewesen sein. Der 33-Jährige reckte zu Beginn der Verhandlung demonstrativ seinen rechten Arm mit geballter Faust in die Höhe. Erst kurz bevor er Platz nahm, wurden ihm die Handschellen abgenommen.

Keine sichtbare Regung
Breivik erschien im schwarzen Anzug und mit einer locker gebunden Krawatte vor Gericht, die Haare akkurat gescheitelt. Die lange Verlesung der Anklage verfolgte er mit versteinerter Miene, praktisch ohne sichtbare Regung.

Viele Anwesende im Gerichtssaal brachen hingegen in lautes Schluchzen aus, als die Staatsanwältin die Anklagepunkte jedes einzelnen Mordes verlas. Sie schilderte die Panik und Todesangst der Jugendlichen, die Breivik auf der Ferieninsel Utoya gejagt und willkürlich niedergeschossen hatte. Einige Details des Massakers waren so drastisch, dass das norwegische Fernsehen die entsprechenden Worte ausblendete. Breivik unterdrückte währenddessen gelegentlich ein Gähnen oder trank einen Schluck Wasser.

Als später allerdings ein Film Breiviks über dessen islamfeindliche Weltsicht gezeigt wurde, wischte sich der Angeklagte mehrmals Tränen aus den Augen. In dem Film werden die nach Breiviks Ansicht drohenden Übel des «Multikulturalismus» geschildert. Breivik argumentiert, dass mit seinen Taten Menschen bestraft werden sollten, die er wegen ihrer immigrationsfreundlichen Politik für Verräter hält. Gleich zu Beginn der Verhandlung erklärte er ausserdem, dass er das Gericht nicht anerkenne, weil es sein Mandat von Parteien erhalten habe, die den Multikulturalismus förderten.   

Ist Breivik schuldfähig oder geisteskrank?
Im Zentrum des Prozesses steht vor allem die Frage nach der Schuldfähigkeit des Angeklagten. Dem Gericht liegen zwei unterschiedliche psychiatrische Gutachten über Breivik vor: In einem wird der Attentäter als psychisch krank beschrieben, das andere bescheinigt ihm volle Zurechnungsfähigkeit.

Endgültig muss die aus fünf Richtern bestehende Strafkammer über Breiviks Geisteszustand entscheiden. Sollten die Richter Breivik für zurechnungsfähig halten, muss er bei einem Schuldspruch mit 21 Jahren Haft rechnen. Bei einer Einstufung als geistig krank droht ihm eine dauerhafte Unterbringung in der geschlossenen Psychiatrie. Eine Einstufung als geistig krank hat er selbst als ein schlimmeres Schicksal als den Tod bezeichnet.

Mehrwöchige Hauptverhandlung
Die Hauptverhandlung dürfte etwa zehn Wochen dauern. Breivik selbst sollte von Dienstag an rund eine Woche lang aussagen. Anders als der Prozessauftakt wird dies nicht mehr live übertragen. Das Medieninteresse ist gross: Hunderte Journalisten aus dem In- und Ausland reisten zum Prozessauftakt nach Oslo. Die Verteidigung hat 29 Zeugen geladen, darunter Islamisten und rechte Internet-Publizisten. (ank;bru, reuters)

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Bruno Kaufmann: «Das ist etwas, das Norwegerinnen und Norweger erschaudert.» (Philippe Chappuis, 16.4.2012)
Hören (3:29)

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