«Wir brauchen eine neue Wirtschaftsarchitektur»
Klaus Toepfer. (Keystone Archiv)
Von Fredy Gsteiger, diplomatischer Korrespondent SRF
Herr Töpfer, wie nehmen Sie Rio 2012 wahr? Was ist anders als vor 20 Jahren?
Es ist sicherlich anders geworden, dass wir die Wirtschaft sehr viel stärker mit eingebunden sehen. Weil auch wichtige Bereiche der Wirtschaft sehen, dass eine nicht nachhaltige Produktion zu ihren Lasten war. Wir sehen, dass wir – bei neun Milliarden Menschen, die dieser Planet haben wird - eben keine Wegwerfgesellschaft mehr sein können. Wir brauchen eine Kreislaufwirtschaft, eine Rohstoffeffizienz und auch Energieeffizienz aus eigenem Interesse – und nicht nur unter dem Gesichtspunkt der nachhaltigen Notwendigkeit.
Wir sehen sehr viel stärker auch, dass sich die Wissenschaft einbringt. Gegenüber dieser Dynamik – diesem Aufschrei aus der Gesellschaft heraus - wirkt die Politik jedoch sehr müde, sehr defensiv und sehr zurückhaltend.
Was müsste ihrer Ansicht nach dieser Rio 2012-Gipfel ganz konkret bringen?
Ich glaube, wir brauchen sicherlich einige weiterführende Aussagen: wie gehen wir institutionell um mit nachhaltiger Entwicklung in den Vereinten Nationen und global. Insbesondere auch, wie können wir die Umweltkomponente dort stärken. Wir werden sicherlich auch eine gute Diskussion über so genannte Nachhaltigkeitsziele in Gang gebracht haben. Diese sollen zum ersten Mal auch die Gewichtung in dieser Welt widerspiegeln.
Bis jetzt haben wir immer vom Norden nach Süden Ziele gemacht. Jetzt kommt auf einmal der Süden: Kolumbien, Peru, Guatemala, Brasilien und andere sagen 'nein! wir brauchen Nachhaltigkeitsziele, die auch für euch im Norden gelten. Denn euer Lebensstil ist alles andere als nachhaltig.' Also hier sieht man das gewachsene Selbstbewusstsein sehr deutlich. Das begrüsse ich ausserordentlich.
Wir werden hier in Rio keine ausformulierten Ziele haben. Aber hoffentlich wird ein Prozess festgelegt, in dem definiert wird, was die Ziele sind, wie sie erreicht werden und wer was macht. Dort werden auch viele Hoffnungswerte drin sein, um es mal ökonomisch zu sagen.
Ist das Risiko nicht sehr gross, und hier auch sichtbar, dass wenn immer akute Krisen drohen – im Moment beispielweise die Schuldenkrise – das Thema Nachhaltigkeit von der Politik irgendwie nach hinten durchgereicht wird?
Das ist leider richtig. Wir sehen, dass die Politik in dieser Welt unter diesem Diktat der Kurzfristigkeit massiv eingebunden ist. Margareth Thatcher hat mal das so genannte «TINA-Prinzip» fixiert: «There is no alternative!» - Wenn du immer kurzfristiger denkt, hast du immer weniger Alternativen. Dann wirst du getrieben von diesen kurzfristigen Krisen, die du löschen musst. Das gilt gegenwärtig im Finanzsystem und ganz konkret im Eurobereich. Das muss endgültig in Angriff genommen werden.
Wir müssen wieder etwas mittel- und langfristiger denken können. Wir brauchen wirklich eine nachhaltige Finanzarchitektur und eine nachhaltige Wirtschaftsstruktur in dieser Welt. Eine grüne Wirtschaft bezieht sich nur auf die reale Wirtschaft. So lange das der Fall ist, haben wir eigentlich diejenigen, die wirklich nicht nachhaltig sind - nämlich die Finanzarchitektur - überhaupt nicht mit drin. Das muss gelöst werden. Dann können wir auch wieder davon ausgehen, dass eine neue Aufbruchsstimmung möglich wird. (bat)
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