Die Politik hat versagt - die Zivilgesellschaft soll ran
Jeffrey Sachs. (Keystone Archiv)
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Von Fredy Gsteiger, diplomatischer Korrespondent, Rio
Zu den raren Superstars der Wissenschaft zählt der 57-jährige Ökonom Jeffrey Sachs. Kaum einer absolviert so viele Auftritte und ist weltweit so gefragt als Berater wie er. Seine Bücher «Der Preis der Zivilisation» oder «Das Ende der Armut» sind Bestseller.
Sachs spielte eine Schlüsselrolle beim Übergang von der Plan- zur Marktwirtschaft in Osteuropa. Und er prägte als Sonderberater der Uno-Generalsekretäre Kofi Annan und Ban Ki-Moon die Uno-Milleniumsziele zur Armutsbekämpfung.
Auch gute Abkommen bringen nichts
Jetzt, auf dem Rio-Gipfel, fordert Jeffrey Sachs Taten: Seit zwanzig Jahren tue man praktisch nichts, kritisiert er. Und dabei sei die Welt gefährdeter als je zuvor. Es genüge nicht, zu reden, zu verhandeln und neue Gipfeltreffen zu vereinbaren.
Herausgestellt habe sich auch, dass selbst gute Abkommen wenig nützten. Sachs nennt hier das Klima-Abkommen, das Biodiversitätsabkommen, das Abkommen gegen die Wüstenbildung; sie alle seien prima - aber praktisch wirkungslos.
Deshalb möchte Sachs der Politik das Steuer aus der Hand nehmen. Gerade sein Land, die Supermacht USA, habe umweltpolitisch total versagt. Man bezeichne Politiker als Führer, doch eigentlich seien sie Getriebene.
Der Politik das Heft aus der Hand nehmen
Die Zivilgesellschaft, die Wissenschaft, die Wirtschaft müssten die Führung übernehmen. Fachleute sollten jetzt Nachhaltigkeitsziele formulieren. Nicht dicke Bücher, nicht 350-seitige Dokumente, sondern schlichte, klare, simple Ziele, die ein achtjähriges Kind verstehe und merke, dass sie mit seinem Leben zu tun haben. Genau weil sie so einfach seien, hätten die lediglich acht Uno-Milleniumsziele einiges bewirkt, sagt Sachs.
Nahrungssicherheit und Energiewende
Thematisch sieht der Wirtschaftsprofessor zwei vordringliche Themen. Nummer eins: Die Nahrungssicherheit. Die Lage in Somalia, in der Sahelzone, in Jemen oder in Afghanistan sei katastrophal. Die Kriege dort hätten zu einem guten Teil soziale Ursachen.
Zweite Top-Priorität hat laut Sachs das Wegkommen von fossilen Energieträgern. Das bedeute harte Arbeit, das werde dreissig, vierzig Jahre dauern. Aber es sei möglich, obschon man zwei Jahrzehnte verplempert habe.
Bis 2030 sollen neue Ziele erfüllt sein
Nachhaltigkeitsziele müssten, so Sachs, alle Akteure und alle Länder in die Verantwortung nehmen. Und es brauche einen Zeitplan: auf einem Uno-Gipfel nächstes Jahr sollten die Ziele abgesegnet werden, zwei Jahre später sollten sie die bisherigen Milleniumsziele ablösen.
Und 2030 sollten sie erfüllt sei. Anders als bei den Milleniumszielen möchte Sachs auch Etappenziele definieren, für 2020 und 2025, damit man ständig wisse, wo man stehe.
Bevölkerungswachstum stoppen
Schliesslich seien zwei verdrängte Themen endlich aufzugreifen: Zunächst das Wirtschaftswachstum. Immer noch sei der Wachstumsgedanke Teil der DNA jedes Politikers. Und für Drittweltländer sei Wachstum vorläufig notwendig. Reiche Länder jedoch sollten bloss noch qualitatives nicht mehr quantitatives Wachstum anstreben, sagt selbst er als Ökonom.
Das zweite grosse Tabuthema ist laut Sachs die Demographie. Die Weltbevölkerung müsse stabilisiert werden. Gebäre in einem armen Land eine Frau durchschnittlich sechs, sieben Kinder, habe dieses Land keine Chance, die Ziele zu erreichen: weder wirtschaftlich noch sozial oder umweltpolitisch. (pet)
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