Jahrhundert-Entdeckung am Cern?
Ein Wandgemälde von Josef Kristofoletti zeigt, wie sich der Künstler das Higgs-Teilchen vorstellt. (Keystone)
Seit mehr als 30 Jahren jagen Forscher aus aller Welt nach dem Elementarteilchen Higgs-Boson. Dessen Nachweis wäre eine wissenschaftliche Sensation.
Dank neuer Datenmengen soll nun klarer werden, ob das Higgs-Teilchen wirklich exisitiert. Das sagte der am Projekt beteiligte Cern-Forscher Günther Dissertori. Heute Mittwoch wollen er und seine Kollegen der Europäischen Organisation für Kernforschung (Cern) die neuen Ergebnisse vorstellen.
Hinweise auf das Higgs hatten die Forscher schon Ende 2011 präsentiert. Damals sei aber die statistische Aussagekraft zu gering gewesen, um effektiv von einer Neuentdeckung sprechen zu können. Aber bis Juni 2012 habe der Teilchenbeschleuniger ebenso viele Daten sammeln können wie im ganzen Jahr 2011. Das soll nun ausreichen, um zu erkennen, ob sich die Trends aus dem Jahr 2011 bestätigen oder verschwunden sind.
Wo versteckt sich das Higgs?
Das Higgs selbst lässt sich im eigentlichen Sinne nicht entdecken. Die Forscher fahnden in ihren Daten nach statistischen Abweichungen von der Annahme, dass es ausser den bekannten Teilchen nichts gibt. Treten Spuren, die vom Higgs-Teilchen stammen könnten, sehr häufig auf, ist das ein guter Hinweis. Damit aus dem Hinweis ein Beweis wird, müssen die Spuren des Higgs-Teilchens entsprechend oft gemessen werden.
«Entweder sieht man mit den neuen Daten gar keine Abweichungen mehr - also kein neues Teilchen», sagte Dissertori. «Oder man sieht ähnliche Unregelmässigkeiten wie 2011, was die Hypothese, dass es ein neues Teilchen gibt, verstärken würde.»
Das Higgs-Teilchen gilt als letzter noch nicht entdeckter Baustein des Standardmodells der Materie und soll erklären, warum andere Elementarteilchen Masse haben. Dem Modell zufolge wird das Universum von einem sirupähnlichen Higgs-Feld durchzogen, das andere Teilchen bremst. Würde die Existenz des Higgs-Teilchens ausgeschlossen, stünde das gesamte Erklärungsmodell der Physiker zum Grundaufbau der Materie auf der Kippe.
Jeder will der erste sei
Derweil erklärten Wissenschaftler des Forschungszentrums Fermilab im US-Bundesstaat Illinois, sie stünden bei der Higgs-Suche kurz vor dem Durchbruch. Die Fermilab-Forscher stützen sich dabei auf Daten des Tevatron-Beschleunigers, der im vergangenen September stillgelegt wurde.
Tevatron habe möglicherweise in seiner Laufzeit Tausende von Higgs-Teilchen erzeugt, die es nur nachzuweisen gelte, erklärte Luciano Rostori, ein Sprecher des CDF-Experiments bei Fermilab. Hingegen sagte eine Sprecherin des Cern am Dienstag auf Anfrage, auf der Basis der bislang von Fermilab zusammengetragenen Statistiken «kann man keine Entdeckung ableiten».
Wegen seiner universellen Bedeutung wird das Higgs oft als Gottesteilchen bezeichnet. Benannt wurde es nach dem britischen Physiker Peter Higgs, der heute 83 Jahre alt ist und die Existenz des Elementarteilchens 1964 voraussagte. (wedj/luek, dpa/sda)
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