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  • China jenseits medialer Reizworte:

Chinas eigene Internet-Welt

Rund 500 Millionen Chinesen surfen regelmässig im Netz - mehr als doppelt so viele Leute wie in den USA. Damit ist China weltweit das Land mit den meisten Internetnutzern. Es erstaunt daher nicht, dass die Volksrepublik längst ein eigenes Internet-Universum aufgebaut hat - unabhängig von den grossen Playern der westlichen Netzwelt.

Blick in ein Internetcafé in Peking. (Keystone)

Renren - Facebook Made in China

China ist das Land mit der weltweit grössten Internet-Gemeinschaft: 500 Millionen Netizens gehen regelmässig online, soviele wie in keinem anderen Land der Welt. Davon nutzen wiederum 300 Millionen Social-Media-Dienste und Blogging-Plattformen.  Mehr

Reflexe vom Montag, 19.3.2012, 10.03 Uhr, DRS 2

Schon seit Ende der 80er-Jahre ist China an das Internet angebunden - anfangs noch über die Universität Karlsruhe. «Über die Grosse Mauer erreichen wir alle Ecken der Welt», schrieb damals der deutsche Internet-Pionier Werner Zorn von Peking nach Karlsruhe. Es war die erste E-Mail, die aus der Volksrepublik versendet wurde.

Jene «Grosse Mauer», in den 80er-Jahren noch Symbol für die Verbindung Chinas mit dem Rest der Welt, bekam schon bald eine andere Bedeutung. Als «Great Firewall of China» steht sie heute sinnbildlich für Überwachung und Internet-Zensur - und damit indirekt als Schutzwall vor auswärtigen kulturellen Gedanken und Einflüssen.

Medien und Internetanbieter zensieren sich selbst
Massgebend war der Erlass der «Bestimmungen zur Kontrolle des Internets» im Jahr 1996. Alle Medieninstitutionen brauchten für ihre Webseiten die Erlaubnis der Regierung und mussten einen bestimmten Anbieter benutzen. Auch heute noch liegt die Verantwortung der Netzinhalte bei den Internetanbietern und Medien selbst, die dazu einen Pakt mit der Regierung eingehen.

Es ist eine Art Selbstzensur, der sich Internetanbieter, Chefredakteure und Medienbesitzer unterziehen. So filtern nicht etwa - wie oft vermutet - die chinesische Regierung Suchresultate oder Webinhalte, sondern meist die Anbieter selbst. Yahoo China manipuliert beispielsweise die Ergebnisse ihrer Suchmaschine so, dass bestimmte Treffer wie «Demokratie», «Menschenrechte» in den Ergebnissen gar nicht erst aufgelistet werden.

Google und Co. in der Kritik des Westens
Erst die Annahme dieser Selbstzensur-Bestimmungen ermöglichte westlichen Firmen den Zugang zum chinesischen Markt. Dies blieb jedoch nicht ohne Folgen: Im Westen wurden Firmen wie Yahoo, Google oder MSN kritisiert, der chinesischen Regierung bei der Internetzensur zu helfen, um sich eine gute Marktposition in China zu sichern.

Es folgte ein Abwägen zwischen der ökonomisch vielversprechenden Erschliessung eines neuen Marktes und dem drohenden Imageschaden im Westen. Google schätzte letzteres als schlimmer ein und kündigte deshalb 2010 an, das Suchmaschinengeschäft in China neu zu überdenken. Die Seite google.cn wird seitdem auf google.hk in Hongkong umgeleitet, welche nicht der chinesischen Zensur unterliegt.

Eigenes Internet-Universum China
Doch nicht nur Inhalte von westlichen Anbietern stehen unter starker Beobachtung der chinesischen Regierung. Auch die Diskussionen im Internet werden überwacht. Viele Internetanbieter haben einen Moderator, der Nachrichten in Foren und Chats überprüft und zensiert. Oft diskutieren auch speziell ausgebildete Blogger mit, die die Meinung in Chats und Foren unbemerkt zugunsten der Regierung zu beeinflussen versuchen (siehe Kasten rechts, «50 Cent Party»).

All diese Umstände machten die Volksrepublik in den Boomjahren des Internets für westliche Firmen nicht sonderlich attraktiv. Das begünstigte das ohnehin schon grosse Wachstum der chinesischen Internet-Unternehmen und trug massgeblich zur eigenständigen Online-Welt bei, die man in China heute vorfindet.

Natürlich kennt man in China Google, Wikipedia, Facebook und Co. Aber all diese zentralen Webdienste des Westens haben schon längst einen chinesischen Bruder. Dieser ist zwar jünger und bei uns unbekannt, aber dafür ist er um einiges grösser. So hat beispielsweise das chinesische Online-Lexikon Hudong 1 Million mehr Einträge als die englische Version von Wikipedia.

Thomas Hägler

Populäre Webseiten in China:

Sina Weibo
weibo.com

Sina Weibo ist Chinas Twitter. Über den Microblogging-Dienst (Weibo bedeutet auf Chinesisch «microblogging») kann man per Handy oder übers Internet Mitteilungen in einer Länge von maximal 140 Zeichen verschicken.

Weibo ist eine der populärsten Webseiten in China, sehr viele öffentliche Debatten nehmen auf der Plattform ihren Anfang. Mehr als 30 Prozent der Internetnutzer Chinas verwenden Weibo, täglich werden fast 100 Millionen Nachrichten verschickt, Weibo hat rund 300 Millionen registrierte Nutzer (Februar 2012).


Renren
renren.com
Die Social-Networking-Site Renren (übersetzt etwa «Netzwerk für alle») wird oft als «Facebook Chinas» bezeichnet. Da Facebook in China nicht oder nur schwer zugänglich ist, nutzen viele Leute Renren. Renren ist nur in China aktiv und profitiert von der Sperrung Facebooks durch die chinesischen Behörden. Im Februar 2011 hatte Renren cirka 160 Millionen registrierte Nutzer.

Baidu
baidu.com

«Baidu» bietet wie sein US-Vorbild Google Dienste unterschiedlichster Art an. Am populärsten ist Baidu aber nach wie vor als Suchportal: Von den rund 4 Milliarden Suchanfragen in China wurden im Jahr 2010 fast 60 Prozent über Baidu getätigt.

Neben Karten-Diensten oder Foren besitzt Baidu mit «Baidu Baike» ausserdem eine sehr populäre Online-Enzyklopädie, die mit 4.3 Millionen Artikel mittlerweile mehr Einträge hat, als die englischsprachige Version von Wikipedia.


Hudong
hudong.com
Hudong ist Chinas Antwort auf Wikipedia und ist mit über 5 Millionen Artikeln mittlerweile zur grössten Online-Enzyklopädie avanciert. Im Gegensatz zu Wikipedia ist Hudong keine Nonprofit-Organisation, für ihre Beiträge erhalten Nutzer Kreditpunkte, die sie später gegen Geschenke eintauschen können.

Douban
douban.com

Bei Douban können sich Nutzer über Musik, Bücher und Filme informieren oder ihre eigenen Kritiken dazu schreiben. Douban funktioniert auch als Empfehlungsdienst, der einem Titel vorschlägt, die mit dem persönlichen Geschmack übereinstimmen. Ausserdem ist der Dienst populär bei Intellektuellen, die dort - nicht zur Freude der Regierung - über gesellschaftliche Probleme diskutieren.

Im Jahr 2011 waren über 50 Millionen Nutzer bei Douban registriert. Das Unternehmen besitzt auch ein Internet-Radio. Die dazugehörige App ist momentan (2012) die am meisten heruntergeladene Applikation im App-Store von Apple.


Youku
youku.com
Der Name verrät es bereits: Youku (wörtlich etwa «ausgezeichnet und cool») ist die chinesische Variante von Youtube. Aufgrund der laschen Durchsetzung des Urheberrechts in China findet sich auf dem Videoportal viel geschütztes Material, wie Filme und Musikvideos in voller Länge.

Sina.com
sina.com
Sina.com ist das Webportal der Sina Corporation, welche auch das populäre Weibo (siehe oben) besitzt. Ähnlich der US-Firma Yahoo bietet Sina.com von News aus allen Sparten, über E-Mail-Dienste, Suchdienste bis hin zu Games und Blogs eine breite Palette an Diensten an. Mittlerweile hat Sina.com fast 100 Millionen registrierte und mehr als 10 Millionen aktive Nutzer.

Tencent QQ
qq.com
Tencent QQ (allgemein bekannt als «QQ») ist Chinas populärster Instant Messaging-Dienst. Rund 700 Millionen aktive Nutzer zählte der Dienst Ende 2011, momentan (Februar 2012) ist qq.com die 9. populärste Webseite weltweit. Wie auch mit den Programmen Skype, ICQ oder Windows Messenger kann man über QQ mit Freunden chatten, telefonieren oder spielen.

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In keinem anderen Land werden so viele Informationen gefiltert und so viele Webseiten blockiert wie in der Volksrepublik China. Doch die Zeiten haben sich geändert: Die chinesische Regierung hat subtilere Methoden gefunden, um die Meinung der Partei zu verbreiten. Sie beschäftigt und bezahlt eine Armee von regierungsfreundlichen Bloggern, die so genannte «50 Cent Party».

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