Die Filmjournalistin an der Berlinale
Wo wohnen Sie in Berlin?
Brigitte Häring: Wohnen während der Berlinale? Ich habe eine kleine Matte, die ich jeweils hinten im Kinosaal ausrolle nachts… Nein, ich wohne ganz banal in einem funktionalen 3-Sterne-Hotel am Gleisdreieck, in guter Gehdistanz zum Festivalzentrum und zu den Kinos am Potsdamer Platz.
Wen werden Sie zum Interview treffen?
Ich werde ein Gespräch über die Spezialreihe «Kulinarisches Kino» führen. Dabei sind Thomas Struck, Kurator der Reihe und Alf Wagenzink, der die Reihe kulinarisch betreut – denn alle gezeigten Filme werden von einem passenden Menu begleitet, das von einem Sternekoch zubereitet wird.
Dann werde ich versuchen, zwei junge Schweizer Filmemacher, die eine Dokumentation über den verstorbenen Regisseur Daniel Schmid zeigen, vor’s Mikrofon zu bekommen.
Die Zusage für das Interview mit Martin Scorsese, Leonardo DiCaprio und Ben Kingsley steht noch aus. Mein Interesse habe ich angemeldet.
Wen würden Sie gerne zum Interview treffen, haben aber keine Chance?
Gerne hätte ich mit Roman Polanski über seinen Film «Ghost Writer», der im Wettbewerb ist, gesprochen… Ausserdem hätte ich gerne einmal mit Audrey Hepburn gesprochen und anderen wunderbaren Toten aus der Filmwelt.
Wie viele Filme sehen Sie sich pro Tag an?
An einem Tag ohne Interview- und Aufnahmetermine können das schon einmal 4-5 Filme sein. Zwei sind es mindestens.
Schildern Sie eine typischen Tag an der Berlinale.
Den gibt’s eigentlich nicht. Aber immerhin beginnen die Tage alle gleich:
Erst einmal mit einem guten Frühstück im Hotel – damit ich wach bin für die erste Filmvorführung. Die ersten Pressevorführungen der Wettbewerbsfilme beginnen um 8:30 Uhr.
Danach geht’s unterschiedlich weiter: vielleicht mit einen Aufnahme-Termin in einem der provisorischen Radiostudios, die der rbb am Potsdamer Platz in einem der Bürogebäude während der Berlinale für uns externe Radiojournalisten eingerichtet hat. Oder mit einem Gang zu einer der vielen Presseeinrichtungen. Vielleicht steht auch ein Interview an. Und sollten keine Termine sein, gibt’s den ganzen Tag bis spät in die Nacht unzählige Filmvorführungen – da muss ich mich schweren Herzens auf einige wenige beschränken. Erste Priorität hat für mich der Wettbewerb.
Am Abend im Hotel ist der Tag noch nicht ganz fertig, da bastle ich noch Beiträge für verschiedene Sendegefässe, sichere Interviews auf dem Computer, mache mir Notizen zu den gesehenen Filmen etc…
Bleibt noch Zeit, um was anderes zu essen als nur Currywurst?
Es gibt in der Tat einen guten Wurststand direkt am Potsdamer Platz. Ansonsten ist überall in Berlin die Versorgungslage besser als hier… (Und für die beste Currywurst Berlins müsste man einige S-Bahn-Stationen fahren). Essen ist tatsächlich meistens eine Angelegenheit im Stehen und Gehen. Aber manchmal, da nehme ich mir Zeit, mich kurz in ein Lokal zu setzen – mein Lieblingsort in angenehmer Gehdistanz ist ein winziges Restaurant namens «Josef-Roth-Diele», wo man wunderbare Suppen für € 4.50 bekommt – und für ein paar wunderbare Minuten Ruhe vor dem Trubel der Berlinale hat.
Werden Sie auch mal neben dem roten Teppich stehen?
Ich werde sogar AUF dem roten Teppich stehen – denn unsere morgendlichen Pressevorführungen finden im Berlinale-Palast statt, und dafür gehen wir dann ganz verschlafen über diesen berühmten Teppich. Abends aber, wenn da die Galapremieren mit den Stars sind, bin ich entweder in einem anderen Kino oder aber im Hotel am Arbeiten.
Wir Journalisten haben die Gelegenheit, die Stars schon vor ihrem Gang über den roten Teppich, am Nachmittag, an den Pressekonferenzen zu treffen.
Die Berlinale wird 60. Was wünschen Sie ihr für die Zukunft?
Ich wünsche der Berlinale, dass sie nicht verblasst neben den beiden glamouröseren Anlässen in Cannes und Venedig; dass ihr Programm vielleicht in den nächsten Jahren wieder etwas mehr internationale Strahlkraft bekommt mit grossen Zugpferden (wie etwa dieses Jahr mit den Premieren von Martin Scorsese oder Roman Polanski).
Und mir persönlich wünschte ich, die Berlinale wäre wieder im Sommer, wie früher – denn Berlin im Februar ist kalt, zugig und es schneit fast immer während der Berlinale.
(bürg)
Mehr zu den Stichwörtern:
