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Dienstag, 22.11.2011

CDS: Hochpotente Gefahr für das Finanzsystem

In der realen Welt käme es niemandem in den Sinn, eine Autoversicherung auf seinen Nachbarn oder eine Wette auf einen baldigen Unfall abzuschliessen. In der Finanzwelt dagegen ist das gang und gäbe.

Von Wirtschaftsredaktorin Barbara Widmer

Versicherungspolicen auf Dritte, auf schwächelnde Länder etwa, sind in der Finanzbranche unter Investoren beliebte Produkte. Mit den sogenannten Credit Default Swaps (CDS) sichern sich die Käufer gegen mögliche Konkurs-Risiken ab, respektive sie wetten auf einen möglichen Konkurs. Zahl und Umfang dieser CDS ist unbekannt; klar aber ist: Sie sind brandgefährlich.

Eigentlich wären die CDS eine gute Sache, denn sie versichern Anleger gegen Ausfall-Risiken. Mit solchen Versicherungspolicen können sich beispielsweise Pensionskassen gegen das Risiko absichern, dass Griechenland Pleite geht und seine Staatsanleihen nicht mehr zurückbezahlt.

Versicherungen werden zu Wetten
Es sind aber längst nicht nur Besitzer griechischer Staatsanleihen, die solche Versicherungspolicen kaufen: Auch Heerscharen von Spekulanten rund um den Globus, die selber gar keine griechischen Anleihen besitzen, machen bei diesen Versicherungen mit, denn auch das ist möglich.

Damit wandeln sich die CDS quasi um in Wetten auf einen Konkurs eines Schuldners. Genau hier sieht auch Marc Chesney, Professor am Institut für Banking und Finance der Universität Zürich, das Problem der CDS, wie er gegenüber Schweizer Radio DRS ausführte.

Keine Kontrollbehörde hat die Übersicht
Niemand weiss, welche Banken, Versicherungen oder anderen Finanzmarkt-Akteure wie viele solcher CDS verkauft haben. Denn der CDS-Handel passiert im regulatorischen Niemandsland, die Geschäfte müssen nirgends gemeldet werden.

Die Lage am CDS-Markt sei deshalb «sehr intransparent», sagt Professor Chesney. «Niemand weiss, wo das Risiko geblieben ist.» Deswegen gebe es Probleme.

Keine zentrale Börse gibt Auskunft über Preise und Umsätze von CDS, niemand weiss, welche milliardenschweren Verpflichtungen Banken und andere eingegangen sind, als sie - in scheinbar guten Zeiten - solche Finanzprodukte verkauften.

Sicher ist: es geht um Beträge in Milliarden- wenn nicht Billionen-Höhe. Finanzwissenschaftler Chesney schätzt das weltweite Volumen der ausserbörslich gehandelten Derivate auf das Zehnfache des globalen Bruttosozialprodukts. Ein wichtiger Teil davon sind CDS.

Staatspleite könnte alles in den Abgrund reissen
Deshalb müssen Staatspleiten wie jene Griechenlands um fast jeden Preis verhindert werden. Ansonsten droht der CDS-Markt zu explodieren. Denn nach einem Bankrott müssten die Kreditausfallversicherungen bezahlen.

Wie viel Geld im Falle Griechenlands von wem an wen geflossen wäre, ist unbekannt. Aber alle fürchteten eine unkontrollierbare Kettenreaktion. Denn nicht alle, die mitgewettet haben, hätten ihre Verpflichtungen erfüllen können.

Deshalb resultierte schliesslich eine Einigung auf einen freiwilligen Schuldenschnitt, damit die Kreditversicherer nicht zahlen mussten. In der Folge beruhigte sich der CDS-Markt - allerdings nur für kurze Zeit.

«Die Situation ist schwierig»
Schon kurz nach dem abgwendeten Bankrott Griechenlands stiegen die Prämien für Kreditausfälle aber wieder stark an. Im Gegenzug stiegen die Renditen für Staatsanleihen – etwa für italienische Schuldpapiere – auf ein neues Rekordniveau, sagt Markus Allenspach, Leiter der Obligationen-Analyse bei der Bank Julis Bär. «Die Situation ist schwierig», so der Finanzspezialist.

Auch er klagt, der CDS-Markt sei zu wenig transparent und die Rechtsunsicherheit gross. «Es gibt sicher einen Bedarf für eine einheitliche Regulierung», sagt der Banker und stösst damit ins gleiche Horn wie Finanzprofessor Chesney, der die Lage zur Zeit als «schlimmer als vor einem Jahr» einschätzt. Er befürchte, dass «wir nicht in die gute Richtung gehen.»

Denn dass der riesige, unregulierte CDS-Markt brandgefährlich ist, weiss die Weltöffentlichkeit spätestens seit 2008. Damals brach die US-Investment-Bank Lehman Brothers zusammen und die Finanzwelt stand am Rande des Abgrunds.

Hoffen auf Regulierung durch die G-20
Allenspach von Julius Bär bedauert, dass die Staaten der G-20 es verpasst hätten, in diesem Bereich eine weltweite Regulierung voranzutreiben. Vielleicht hätten die Ereignisse der vergangenen Monate und Wochen nun eine positive Wirkung, hofft er.

«Hochproblematisch für die Gesellschaft»
Weniger optimistisch ist Professor Chesney. Wie sich in den letzten Jahren gezeigt habe, wüssten Hedge Funds und andere «Finanzmarkt-Profiteure» eine Regulierung erfolgreich zu verhindern. Nicht zuletzt deshalb müsse jetzt mit öffentlichen Geldern Rettungspaket um Rettungspaket geschnürt werden.

Chesney sagt: «Diejenigen, welche die Risiken eingegangen sind, sind nicht jene, welche nun die Risiken tragen.» Diese trügen nun die Steuerzahler, Rentner oder Aktionäre. Das sei «hochproblematisch für unsere Gesellschaft», so Chesney. (pet)

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Wetten auf den möglichen Konkurs eines Landes. (Barbara Widmer, 22.11.2011)
Hören (4:55)

Glossar: Die Krise von A bis Z

Dossier: Die Schuldenkrise in Europa


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